Du stehst im Drogeriemarkt vor einem Haarserum. Auf der Packung: „mit Peptiden“, dazu ein Versprechen zur Haardichte. Du googlest die Wirkstoffnamen und landest bei Studien. Wir haben zwei davon genau gelesen. Die eine hatte 32 Teilnehmende und verglich eine Kräuter-Peptid-Kombination mit 3-prozentigem Minoxidil. Die andere hatte 54 Männer, und beide Gruppen bekamen zusätzlich eine Eigenblutbehandlung. Was sagt das über das Peptid?
Kurzantwort: Wenig. Beide Arbeiten testen Kombinationen, beide sind klein, und keine vergleicht mit einem Placebo-Serum. Ein Gemisch ist keine Aussage über seine Einzelteile.
Was auf der Packung steht und was es bedeutet
Auf der Zutatenliste solcher Seren stehen meist Namen wie Biotinoyl Tripeptide-1 oder Acetyl Tetrapeptide-3. Das ist die INCI, die einheitliche Zutatenbezeichnung für Kosmetik (mehr dazu in der INCI-Lesehilfe). Dahinter stecken Peptide, also kurze Aminosäureketten, deren Typen wir im Artikel zu kosmetischen Peptid-Typen sortiert haben.
Dazu kommen Handelsnamen wie Procapil und Capixyl: Unter ihnen verkaufen Rohstoffhersteller Peptid-Mischungen an Kosmetikfirmen. Redensyl, das in denselben Regalen auftaucht, ist dagegen ein Pflanzenstoff-Komplex ohne Peptid; die indische Studie nennt als Bestandteil Dihydroquercetin-Glucosid (Tr et al. 2023). Die Namen stehen selten auf der Packung, und sie sagen nichts über die Menge im fertigen Produkt. Laut der indischen Studie, um die es gleich geht, enthält Procapil neben dem Peptid Glycyl-Histidyl-Lysin zwei pflanzliche Stoffe, Oleanolsäure und Apigenin (Tr et al. 2023). Für Capixyl nennt ein aktueller Review das Peptid Acetyl Tetrapeptide-3, also genau den INCI-Namen von oben (Fan et al. 2026). Glycyl-Histidyl-Lysin wird oft GHK abgekürzt; wer dabei an GHK-Cu aus der Gesichtspflege denkt, findet mehr im Porträt GHK-Cu topisch. Sätze wie „aktiviert den Haarfollikel“ sind Herstellersprache: Keine der beiden Studien hat so etwas am Menschen untersucht.
Studie 1: eine Kombination gegen Minoxidil
Lueangarun und Panchaprateep verglichen 2020 eine Kombination aus Biochanin A (ein Pflanzenstoff), Acetyl Tetrapeptide-3 und Ginseng-Extrakt mit einer 3-prozentigen Minoxidil-Lösung (Lueangarun & Panchaprateep 2020). Minoxidil ist ein Arzneimittel. Hier taucht es als Vergleichsarm im Studiendesign auf und nicht als Empfehlung.
32 Menschen mit leichtem bis mittlerem anlagebedingtem Haarausfall, darunter 16 Männer, wurden per Zufall einem der beiden Präparate zugeteilt und verwendeten es 24 Wochen lang. Nach Angabe der Autoren war die Studie dreifach verblindet, mehrere Beteiligte wussten also nicht, wer welches Präparat bekam. Ausgewertet wurde anhand von Fotos: Ein Expertengremium sah bei den meisten Teilnehmenden in beiden Gruppen ein Ansprechen. Ergebnis laut Abstract: Die Zahl der Terminalhaare, also der kräftigen, ausgereiften Haare im Gegensatz zum feinen Flaum, stieg in beiden Gruppen, um 8,3 Prozent im Arm mit der Kombination und um 8,7 Prozent im Minoxidil-Arm. Zwischen den Armen gab es keinen statistisch signifikanten Unterschied.
Das klingt nach einem Gleichstand mit einem Arzneimittel. Verglichen wurde aber mit einem anderen Präparat, nicht mit Placebo. Einen Placebo-Arm nennt das Abstract nicht. Ohne ihn lässt sich nicht trennen, was auf die Behandlung zurückgeht und was auf Messschwankung oder Erwartung. Dazu kommt: Das Präparat enthielt drei Wirkstoffgruppen, der Peptid-Beitrag ist nicht isolierbar. Die Autoren selbst empfehlen größere Studien mit längerer Nachbeobachtung.
Laut der Erklärung, die PubMed unter dem Abstract zeigt, gab es für die Studie keine Förderung, und die Autoren geben keine Interessenkonflikte an.
Studie 2: zwei Gruppen, beide mit Eigenblut
Die zweite Arbeit stammt aus Indien und ist 2023 in Cureus erschienen (Tr et al. 2023). 54 Männer mit anlagebedingtem Haarausfall, per Zufall auf zwei Gruppen zu je 27 verteilt. Beide Gruppen bekamen im Abstand von drei Wochen vier Sitzungen mit PRP (plättchenreichem Plasma aus dem eigenen Blut), einem ärztlichen Verfahren in der Praxis. Zusätzlich trug Gruppe A täglich das Procapil-Präparat auf, Gruppe B eine Kombination aus Redensyl, Sägepalme und Biotin, also ohne Peptid.
Die Autoren berichten eine durchschnittliche Verbesserung des Norwood-Hamilton-Grades (ein Stufenschema, mit dem Ärzte das Ausmaß von Haarausfall beim Mann einordnen) von 11,9 Prozent in Gruppe A und 21,9 Prozent in Gruppe B. Die Bewertung lief über Serienfotos durch eine dritte, verblindete Person; eine Verblindung der Teilnehmenden beschreibt die Arbeit nicht.
Da beide Gruppen Eigenblut bekamen, beschreibt der Abstand zwischen ihnen nur, wie sich die beiden Zusatzpräparate voneinander unterscheiden. Es gab keine Gruppe ohne Zusatzpräparat und keine mit Placebo. Man kann daraus nicht ablesen, was Procapil oder das Peptid darin allein täte, auch nicht, was die Eigenblutbehandlung beigetragen hat. Und der Vergleich zweier Kombinationen erlaubt keine Rangfolge der Einzelstoffe. Die Autoren nennen als Einschränkungen die kleine Stichprobe und den Verzicht auf Trichoskopie, also die Haarmessung mit dem Auflichtmikroskop, und auf Histologie. Sie erklären, dass keine Interessenkonflikte bestehen. Eine Angabe zur Förderung fanden wir im Volltext nicht.
Warum sich das Peptid nicht herauslesen lässt
Auf der Packung steht „Peptid“, untersucht wurde in beiden Studien eine Kombination. Bei Studie 1 besteht das Präparat aus Biochanin A, Peptid und Ginseng. Bei Studie 2 kommt in jeder Gruppe zur Mehr-Stoff-Rezeptur ein ärztliches Verfahren hinzu. Um den Anteil eines Peptids zu zeigen, bräuchte man mindestens zwei Arme: Peptid in einem Vehikel gegen dasselbe Vehikel ohne Peptid, wie wir es im Artikel zum Vehikel-Effekt beschreiben. Diese Konstellation fanden wir in den beiden Arbeiten nicht. Wir sagen damit nicht, dass es sie nirgends gibt.
Dazu kommen die üblichen Bremsen: Die Gruppen sind klein (32 und 54). Die Messung läuft über Fotobewertung statt über Geräte; zur Einordnung siehe den Überblick zu den Messmethoden. Und Arbeiten ohne passende Kontrolle sagen wenig über Ursache und Wirkung, ähnlich wie bei Studien ohne Kontrollgruppe. Dasselbe Muster hatten wir bei Niacinamid plus Peptid: Das Paket wurde getestet, nicht die Zutat.
Umgekehrt heißt das nicht, dass Peptide auf der Kopfhaut nichts können. Die Hypothese ist plausibel genug, um geprüft zu werden: Der Review von Fan und Kollegen im nächsten Abschnitt sammelt dafür eine Reihe von Zell- und Tierversuchen. Es fehlt die Studie, die sie am Menschen sauber prüft.
Was ein aktueller Review sagt
Der Überblick, den Fan und Kollegen 2026 in Biomedicines zu kurzen Peptiden bei Haarausfall veröffentlicht haben, beschreibt viele Ergebnisse aus Zell- und Tierversuchen (Fan et al. 2026). Die Autoren nennen den Mangel an klinischen Studien selbst als offenes Problem und halten fest, dass Peptide derzeit vor allem als Zusätze in Lotionen und Formulierungen eingesetzt werden. Bis auf einen Kandidaten in Phase II sei keines davon als Arzneimittel eingestuft. Die Arbeit von Lueangarun steht in der Literaturliste. Gefördert wurde der Review über zwei Gründerprogramme in Hongkong, eines der Hochschule HKUST und eines des Technologieparks HKSTP; Interessenkonflikte bestehen nach Angabe der Autoren nicht.
Haarausfall ist ein medizinisches Thema
Zurück vor das Regal aus dem ersten Absatz, diesmal mit dem Blick in den Spiegel davor: Der Scheitel wirkt breiter als vor einem Jahr. Hier verläuft die Grenze, denn anlagebedingter Haarausfall ist eine Erkrankung, kein Schönheitsmakel. Davon hängt ab, wie ein Serum werben darf.
Kosmetische Mittel dürfen nach Art. 20 der Kosmetikverordnung und den Kriterien der Verordnung (EU) 655/2013 nur mit belegbaren Aussagen beworben werden. Wo ein Produkt in den Verdacht kommt, eine Krankheit zu behandeln, wird es rechtlich anders gelesen. Wie der Europäische Gerichtshof diese Abgrenzung bei einem Wimpernserum betrachtet hat, steht im Beitrag Kosmetik oder Arzneimittel.
Praktisch heißt das: Bei anlagebedingtem, plötzlichem oder kreisrundem Haarausfall oder Beschwerden der Kopfhaut ist die ärztliche Abklärung der Ausgangspunkt.
Drei Fragen an jede Haar-Studie auf der Packung
Wer auf einem Haarserum einen Studienverweis sieht, kann drei Dinge prüfen:
- Was steckt noch drin? Studie 1: Biochanin A und Ginseng neben dem Peptid. Studie 2: Pflanzenstoffe, Biotin, Sägepalme, dazu PRP.
- Verglichen womit? Studie 1: mit einem Arzneimittel. Studie 2: mit einer anderen Kombination. In keinem Fall mit einem Placebo-Serum.
- Wer hat gezahlt? Hier lohnt der Blick in den Abschnitt zu Interessenkonflikten und Förderung, nicht nur ins Abstract. Ein Interessenkonflikt ist ein Grund, genauer hinzusehen, kein Urteil über das Ergebnis.
Fazit
Die zwei Humanstudien, die wir geprüft haben, sind klein, testen Kombinationen oder ein ärztliches Zusatzverfahren und erlauben keinen Schluss darüber, was das Peptid allein tut. Ein belegter Nutzen von Peptid-Haarseren ist damit nicht gezeigt, aber auch nicht widerlegt. Die Frage ist präziser, als die Packung sie stellt.
Redaktionelle Einordnung von Studienmethodik. Der Beitrag beschreibt veröffentlichte Studien und enthält keine Anwendungs-, Therapie- oder Produktempfehlung. Kosmetische Mittel sind keine Arzneimittel; bei Haarausfall oder Kopfhautbeschwerden ärztlichen Rat einholen.