Du stehst im Drogeriegang, das Serum in der Hand, und drehst die Packung um. “Aqua, Glycerin, … Palmitoyl Tripeptide-1, Palmitoyl Tetrapeptide-7 …”. Klingt nach Labor. Was heißt “Palmitoyl” da eigentlich, und was bedeutet die Eins hinter “Tripeptide”? Die Namen folgen Regeln, und die sind einfacher, als sie aussehen.
Kurzantwort: Ein INCI-Name setzt sich aus Bausteinen zusammen: Größenpräfix, willkürliche Nummer, davor ein Zusatz am Anfang der Peptidkette, danach einer am Ende. Die Zutatenliste zeigt, was enthalten ist und in welcher Reihenfolge der Mengen. Ob der Stoff in dieser Menge etwas bewirkt, steht nirgends auf der Packung.
Warum Peptide so sperrige Namen haben
INCI steht für International Nomenclature of Cosmetic Ingredients. Der Branchenverband Personal Care Products Council (PCPC) pflegt das System mit dem Ziel, einheitliche, global akzeptierte Namen für die Deklaration auf der Packung zu schaffen. Die Idee: Ein Stoff soll in Köln, Kyoto und Kansas City möglichst gleich heißen. Ganz aufgegangen ist sie nicht: Auf EU-Packungen steht etwa “Aqua”, wo US-Packungen “Water” schreiben.
Wichtig für alles Weitere steht gleich auf der ersten Seite des Regelwerks: Maßgeblich für den Namen ist die Zusammensetzung des Stoffs. Sicherheit und Eignung der vorgesehenen Verwendung werden im INCI-Prozess nicht geprüft. Der Name ist ein Etikett, kein Gütesiegel.
Der Namens-Baukasten
Peptide sind kurze Ketten aus Aminosäuren, den Bausteinen aller Eiweiße. Bei synthetischen Peptiden gilt im PCPC-Abschnitt “Synthetic and Recombinant Peptides” ein festes Schema: Zwei bis zehn Aminosäuren ergeben ein Präfix (di-, tri-, tetra- und so weiter), dann das Wort “peptide”, dann eine Nummer. Elf bis hundert Aminosäuren heißen “Oligopeptide”, darüber “Polypeptide”.
Das Zahlenspiel hinter dem Bindestrich: Die Eins in Tripeptide-1 ist schlicht eine Nummer. Das Regelwerk nennt sie ausdrücklich “arbitrary”, also willkürlich. Aus den Nummern lässt sich deshalb keine Verwandtschaft ablesen, und eine höhere Nummer bedeutet nichts Stärkeres. Fragt jemand im Skincare-Forum, ob Tripeptide-1 dasselbe sei wie Tripeptide-3, lautet die Antwort aus dem Regelwerk: nein, es sind zwei getrennte Einträge.
Welche Aminosäuren in einem Peptid stecken, steht ebenfalls nicht im Namen, sondern in der Monographie, dem Steckbrief, den das Register zu jedem Namen führt. Das Regelwerk nennt ein hübsches Beispiel: Glutathione trägt einen historisch gewachsenen Namen, “Tripeptide-35” besteht aus denselben drei Aminosäuren, aber möglicherweise in abweichender Reihenfolge.
Dazu kommt, was vorn und hinten angebaut ist. Ein Fettsäure- oder Acetylrest vor dem Namen hängt am Anfang der Kette, eine Gruppe hinter dem Namen sitzt am Ende.
| Namensteil | Position | Bedeutung nach PCPC-Konvention |
|---|---|---|
| Palmitoyl, Myristoyl, Acetyl | vor dem Peptidnamen | Veränderung am Kettenanfang (N-Terminus) |
| Amide, Propyl Ester, Argininamide | hinter dem Peptidnamen | Veränderung am Kettenende (C-Terminus) |
| Di-, Tri-, Tetra- … Deca- | Teil des Peptidnamens | Zahl der Aminosäuren (2 bis 10) |
| Nummer (-1, -24 …) | hinter “peptide” | willkürlich vergebene Nummer |
Ein längerer Name heißt also nur, dass die Kette länger ist oder mehr an ihr verändert wurde, nicht dass mehr dabei herauskommt.
Drei Namen, zerlegt
Das Regelwerk liefert selbst Beispiele, an denen sich das üben lässt.
Myristoyl Hexapeptide-5: Sechs Aminosäuren (Hexa), Nummer 5, vorn ein angehängtes Stück Myristinsäure, einer Fettsäure. Fertig.
Acetyl Octapeptide-17 Amide: Acht Aminosäuren, Nummer 17, vorn eine Acetylgruppe, hinten ein Amid, also eine kleine chemische Abschlussgruppe am Kettenende. Hier sind beide Enden verändert, und der Name zeigt es: erst der Anfang, dann der Stamm, dann das Ende.
Palmitoyl Tripeptide-1: Drei Aminosäuren, Nummer 1, vorn ein Stück Palmitinsäure. Das Cosmetic Ingredient Review (CIR), ein US-Expertengremium für Kosmetik-Inhaltsstoffe, führt in seiner Bewertung zu Tripeptide-1 eine ganze Familie “fatty acyl derivatives”, also Abkömmlinge mit Fettsäurerest. Das steckt in “Palmitoyl”.
Ein Sonderfall ist das Kupfer: In “Copper Tripeptide-1” steht der Metallkomplex im Namen, die CIR-Bewertung ordnet ihn den “Metal Salts” von Tripeptide-1 zu. Was dieser Stoff in der Haut tut oder nicht tut, behandelt das Wirkstoffprofil zu GHK-Cu. Und was die einzelnen Peptidtypen auf der Haut leisten sollen, erklärt der Artikel über kosmetische Peptid-Typen.
Zurück im Drogeriegang: eine Liste, Zeile für Zeile
Drehen wir die Packung wieder um. Die folgende Liste ist ausgedacht und markenfrei, so oder ähnlich sieht eine Rückseite aus:
Aqua, Glycerin, Butylene Glycol, Pentylene Glycol, Sodium Hyaluronate, Palmitoyl Tripeptide-1, Palmitoyl Tetrapeptide-7, Carbomer, Phenoxyethanol, Parfum
Ganz vorn stehen Wasser und Glycerin, die Mengenträger. Bis hierhin gilt: Was weiter vorn steht, wiegt mehr. Unterhalb von 1 % endet diese Regel (dazu unten mehr), und genau dort stehen in so einer Liste die Peptide.
Palmitoyl Tripeptide-1 kennst du schon aus den Beispielen oben. Seinen Nachbarn löst du jetzt selbst auf: Palmitoyl Tetrapeptide-7 heißt vier Aminosäuren, Nummer 7, vorn dasselbe Stück Palmitinsäure. Die 7 ist nicht “stärker” als die 1. Es ist nur eine andere Nummer.
Die Pointe: In unserer Beispielliste stehen beide absichtlich nebeneinander. In der Werbung treten genau diese zwei oft als ein Handelsname auf, im Wirkstoffprofil zu Matrixyl 3000 steht das Paar. Die Rückseite führt sie getrennt, jeden mit seinem INCI-Namen.
Prozentzahlen, Reinheit oder einen Wirknachweis gibt die Liste dagegen nicht her.
Marketingname gegen INCI-Name
Auf der Webseite steht oft etwas anderes als auf der Packung, weil zwei Namenssysteme nebeneinander laufen. Der INCI-Name ist für alle gleich und gehört niemandem. Ein Handelsname gehört dem Rohstoffhersteller oder der Marke, die ihn vergeben hat. “Matrixyl 3000” ist ein solcher Name: Der Hersteller Sederma vertreibt unter ihm einen Komplex aus Palmitoyl Tripeptide-1 und Palmitoyl Tetrapeptide-7, wie das Wirkstoffprofil im Detail beschreibt. Ein Handelsname kann also eine einzelne Substanz meinen oder eine Mischung. Auch beim bekannten Hexapeptid aus dem Argireline-Profil lohnt der Blick auf die Rückseite, denn dort zählt der INCI-Name, nicht der Slogan.
Das ist kein Trick, sondern Arbeitsteilung. Wer Produkte vergleicht, hält sich am sichersten an die INCI-Namen. Ein Nachschlagewerk dafür ist CosIng, die Datenbank der Europäischen Kommission mit den gebräuchlichen Inhaltsstoffbezeichnungen für die Kennzeichnung. Die Kommission weist selbst darauf hin, dass ein Eintrag dort nichts über die Zulassung eines Stoffs aussagt.
Was die Zutatenliste verrät und was nicht
Nach Artikel 19 der Kosmetikverordnung (VO (EG) 1223/2009) gehört die Zutatenliste auf die Packung. Die irische Aufsichtsbehörde HPRA fasst die Anforderung so zusammen: alle Stoffe in der Rezeptur, von der größten zur kleinsten Menge, jeweils mit INCI-Namen. Der Verordnungstext ist genauer: Maßgeblich ist das Gewicht zum Zeitpunkt der Zugabe, und Bestandteile unter 1 % dürfen nach denen über 1 % in beliebiger Reihenfolge stehen.
Das verrät dir zwei Dinge: dass der Stoff enthalten ist und, solange er über 1 % liegt, ob er mehr oder weniger wiegt als seine Nachbarn. Ob er etwas tut, sagt die Liste nicht.
Die Position ist ein Vergleich mit den Nachbarn, keine Mengenangabe, und selbst das nur bis zur 1-%-Grenze. Die von der CIR bewerteten Peptide, darunter die beiden aus unserer Beispielliste, werden in Mengen weit unter einem Prozent eingesetzt und landen in diesem Block: Ob ein Peptid vor oder hinter dem Konservierer steht, sagt dann nichts über das Mengenverhältnis. Auch Reinheit und Qualität des Rohstoffs nennt die Liste nicht. Und sie weist nicht aus, ob die Menge genügt, um einen Effekt zu erreichen, den eine Studie unter anderen Bedingungen gemessen hat.
Was Hersteller über Wirkungen kosmetischer Mittel sagen dürfen, regelt eine eigene Verordnung, die VO (EU) Nr. 655/2013. Die Zutatenliste gehört nicht dazu.
Wo Sicherheit tatsächlich bewertet wird
Sicherheit ist eine andere Baustelle. Das CIR-Expertengremium kommt in seiner Bewertung zu Tripeptide-1, Hexapeptide-12, deren Metallsalzen und Fettsäure-Derivaten sowie Palmitoyl Tetrapeptide-7 (International Journal of Toxicology, 2018) zu dem Schluss, dass diese Stoffe in den derzeit üblichen Anwendungen und Konzentrationen in Kosmetik sicher sind. Das ist eine Bewertung dieser Stoffgruppe, keine Freigabe eines bestimmten Produkts. In der EU muss jedes Produkt eine eigene Sicherheitsbewertung durchlaufen; den Maßstab setzt der Wissenschaftliche Ausschuss SCCS, dessen Notes of Guidance beschreiben, wie Inhaltsstoffe geprüft werden. Wie das bei Peptiden praktisch aussieht, steht im Artikel zum SCCS-orientierten Sicherheits-Framework.
Der INCI-Name identifiziert einen Stoff, die Sicherheitsbewertung prüft ihn, und das eine folgt nicht automatisch aus dem anderen. Wer das einmal auseinanderhält, liest die Rückseite im Drogeriegang wie einen Steckbrief: genau, aber ohne Urteil.
Dieser Artikel erklärt Nomenklatur und Kennzeichnungsregeln zu Informationszwecken. Er stellt keine kosmetische Beratung, keine Produktempfehlung und keine medizinische Aussage dar. Angaben zu Studien und Normen beziehen sich auf die jeweils verlinkten Originalquellen. Stand der zitierten INCI-Konventionen: PCPC-Fassung von September 2023; Namen und Regeln werden laufend fortgeschrieben.