Auf r/SkincareAddiction postet jemand ein Foto: acht Wochen Peptid-Serum, Haut sichtbar besser, dazu der Screenshot einer Herstellerstudie: „30 Prozent glattere Haut“. Zweiter Kommentar: „Und was hat die Placebo-Gruppe gemacht?“ Die Antwort ist unbequemer, als man denkt: Sie hat sich auch verbessert, nicht unbedingt gleich stark, aber messbar. Was war dann eigentlich der Effekt des Serums? Von dieser Frage hängt ab, ob eine Zahl auf der Packung etwas aussagt oder nur Bewegung beschreibt.

Die Kontrollcreme ist kein Nichts

Sie ist Wasser, Fett und Aufmerksamkeit. In der Fachsprache heißt die wirkstofffreie Grundlage einer Formulierung Vehikel, vom lateinischen Wort für „Träger“. Eine vehikelkontrollierte Studie vergleicht das Produkt mit Wirkstoff gegen dasselbe Produkt ohne Wirkstoff. Das klingt nach einem sauberen Nullvergleich, ist es aber nur bedingt, denn schon das Vehikel greift in die Haut ein. Cremes und Seren spenden Feuchtigkeit und halten sie in der Hornschicht, das beschreibt eine Übersichtsarbeit zu Vehikeln und kosmetischen Feuchtigkeitscremes (Barnes et al. 2021). Falten-Daten liefert sie nicht. Plausibel ist aber: Wenn schon die Grundlage die Hornschicht befeuchtet, kann sich die Haut glatter anfühlen und anders aussehen, ganz ohne Prüfwirkstoff.

Dazu kommt, was gar nichts mit Chemie zu tun hat. Wer in einer Studie täglich ein Serum aufträgt, pflegt sich meist regelmäßiger als sonst. Er weiß, dass er beobachtet wird, und erwartet eine Verbesserung. Und das Hautbild schwankt ohnehin: Wer in einer schlechten Phase startet, steht zwei Monate später im Schnitt besser da, auch ohne Zutun. Eine Kontrollgruppe erfasst all diese Effekte mit, dafür gibt es sie.

Ein Beispiel aus 2025: auch das Vehikel bewegt sich

Ein Team um Chang untersuchte 2025 ein zyklisches Hexapeptid in einer randomisierten, doppelblinden Studie mit drei Armen: Wirkstoff, ein Retinol-Vergleichspräparat und Vehikel. 96 Personen wurden randomisiert, 91 beendeten die 56-tägige Studie (Chang et al. 2025).

In der Diskussion des Volltexts schreiben die Autoren, ihre Studie habe einen deutlichen Placeboeffekt in der Vehikelgruppe gezeigt, der je nach Messgröße zumindest teilweise auf die Feuchtigkeitswirkung der Trägerformulierung zurückgehen könne. Eine allgemeine Prozentzahl für „den“ Vehikel-Effekt gibt es nicht, die Größe schwankt mit Produkt, Messung und Studienpopulation.

Was das für die Packungszahl bedeutet, zeigt ein Rechenbeispiel, ausgedacht und keine Studienzahl: Die Serum-Gruppe wird um 30 Prozent glatter, die Kontrollgruppe um 22 Prozent. Auf der Packung steht „30 Prozent“. Dem Wirkstoff selbst bleiben aber nur etwa 8 Prozentpunkte Vorsprung.

Es zählt also, wie weit die Wirkstoffgruppe vor der Kontrollgruppe liegt, nicht, wie weit sie insgesamt kommt.

Die Design-Leiter: zwei Stufen und eine Variante

Was eine Studie überhaupt beantworten kann, hängt stark von ihrem Design ab. Grob gibt es zwei Stufen und eine Sonderform.

Stufe 1: Open-Label ohne Kontrolle. Alle wissen, was sie bekommen, und es gibt keine Vergleichsgruppe. Ein Beispiel ist die Studie zu einem Serum mit Vitamin C, E und einem Tripeptid: 35 Frauen, 56 Tage, Hersteller-Finanzierung, die Autoren waren Berater der Firma (Lintner et al. 2020). Als erste Orientierung legitim, als Wirkbeleg dünn. Wie ein solches Design die Aussagekraft begrenzt, haben wir im Artikel über die Open-Label-Studie zum Peptid-Serum im Detail durchgespielt.

Stufe 2: randomisiert, doppelblind, vehikelkontrolliert. Weder Teilnehmende noch Prüfer wissen, wer welche Formulierung trägt. Die Zuteilung entscheidet der Zufall, das Prinzip erklärt der Beitrag zum RCT. In diesem Rahmen lassen sich Wirkstoff- und Vehikel-Effekt trennen.

Sonderform von Stufe 2: Split-Face. Hier trägt jede Person zwei Produkte auf, eines pro Gesichtshälfte. Eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Split-Face-Studie zu Fältchen um die Augen lief über 12 Wochen, 36 Frauen wurden eingeschlossen, 29 beendeten sie (Zahr et al. 2022). Der Vorteil: Hauttyp, Alter, Sonnenschäden und Lebensstil sind auf beiden Hälften gleich, die Streuung zwischen Personen fällt weg, kleinere Gruppen reichen. Die Studie koppelte das Serum zusätzlich mit einer ärztlichen Botulinumtoxin-Behandlung, die beide Gesichtshälften gleichermaßen erhielten. Finanziert hat sie ein Hautpflege-Unternehmen, bei dem drei der sechs Autorinnen und Autoren angestellt waren. Nachteil des Designs: Produkte können durch Berühren oder Abwaschen auf die andere Hälfte gelangen.

Ein Vorher-Nachher-Wert zeigt also nur, dass sich etwas bewegt hat. Was die Bewegung verursacht hat, zeigt erst der Vergleich.

Wer bezahlt, wer misst

Bei den drei Beispielstudien taucht ein Muster auf, das in der Kosmetikforschung verbreitet ist: Hersteller finanzieren, entwickeln oder beraten. In der Chang-Studie gaben die Autoren an, weder eine spezifische Förderung erhalten noch Interessenkonflikte zu haben. Als Affiliation stehen bei allen acht Autorinnen und Autoren dieselben zwei Kosmetikunternehmen, und das Peptid hatte die Gruppe nach eigener Angabe zuvor selbst synthetisiert. Die Angabe „keine spezifische Förderung“ bezieht sich üblicherweise auf Drittmittel für genau dieses Projekt. Dass die Autoren selbst bei den Unternehmen arbeiten, steht offen in der Autorenzeile, auch wenn die Erklärung zu Interessenkonflikten „keine“ lautet. Wer Autorenzeile und Erklärung nebeneinanderlegt, sieht beides.

Ein Interessenkonflikt ist keine Verurteilung, aber ein Grund, genauer hinzusehen: auf Kontrollgruppe, Verblindung, Messmethode und darauf, ob alle Ergebnisse berichtet werden oder nur die günstigen.

Das gilt besonders für die Frage, wie gemessen wurde. Ein Gerät, das Hautfeuchtigkeit oder Faltentiefe misst, ist weniger anfällig für Erwartung als eine Prüferschätzung auf einer Skala oder die Selbstangabe „fühlt sich jünger an“. Auch Schätzung und Selbstangabe haben ihren Platz, nur sagen sie etwas anderes aus.

Fünf Fragen an jede Kosmetikstudie

Du musst keine Biostatistik studiert haben. Fünf Fragen reichen, um die meisten Packungs-Studien einzuordnen:

  1. Gab es eine Kontrollgruppe? Und war es eine echte Vehikelkontrolle oder nur der Vergleich mit dem Ausgangswert?
  2. War verblindet? Wussten Teilnehmende und Prüfer, wer welches Produkt trägt? Einfach oder doppelt verblindet?
  3. Wer hat finanziert? Stehen Förderung, Anstellung und Interessenkonflikte offen im Text, und passen die Angaben zusammen?
  4. Wie wurde gemessen? Gerät, fotografische Auswertung oder Schätzung durch Prüfer und Teilnehmende?
  5. Wie groß ist der Unterschied zur Kontrolle? Nicht: „Wie viel besser wurde es?“, sondern: „Wie viel besser als die Kontrolle?“

Fehlt in einer Werbeaussage die zweite Zahl, ist das zwar keine Lüge, aber eine Lücke. Rechtlich setzt die EU ihr Grenzen: Aussagen über Kosmetika müssen belegbar sein und dürfen nicht mehr versprechen, als das Produkt hält. Welche Kriterien dafür gelten, steht im Beitrag zur Verordnung 655/2013.

Was das für den Vergleich mit anderen Wirkstoffen heißt

Die Logik gilt für Peptid, Retinoid oder Vitamin C gleichermaßen. Wer Peptide mit Retinol vergleichen will, braucht Studien, die beide gegen dieselbe Kontrolle gemessen haben. Den Stand zeigt der Vergleich Peptide gegen Retinol. Ob Peptide aus Seren überhaupt tiefer in die Haut gelangen, ist eine eigene Frage, die die Metaanalyse zu oralen und topischen Peptiden aufgreift.

Der zweite Kommentar unter dem Foto war also keine Spitzfindigkeit, sondern die wichtigste Frage. Sie lautet nicht „Wie viel Prozent?“, sondern „Verglichen womit?“.