Du scrollst im Oktober durch deinen Feed. Oben die Schlagzeile: Frühere Kollagen-Meta-Analysen seien „unzuverlässig“. Zwei Posts weiter: Neue Meta-Analyse findet Effekte bei Hautfeuchtigkeit und Elastizität. Wer hat recht? Beide, jedenfalls ein Stück weit. Der Streit ist kleiner, als er aussieht, und er dreht sich weniger um Ergebnisse als um Rechenregeln.

Zwei Artikel, ein halber Widerspruch

Batool et al. (Juli 2026) werteten 35 randomisierte Studien mit zusammen 2.534 Teilnehmenden aus. Bei gerätegemessener Hautfeuchtigkeit (SMD 0,44; Konfidenzintervall 0,15 bis 0,73), Elastizität (0,62; 0,15 bis 1,10) und Barrierefunktion, gemessen als transepidermaler Wasserverlust, kurz TEWL (−0,39; −0,62 bis −0,16), berichten sie signifikante Verbesserungen (Batool et al. 2026). Bei Falten, Rauheit und Hautdichte nicht: Diese scheinbaren Verbesserungen führen die Autoren auf einzelne Ausreißer-Studien und starke Unterschiede zwischen den Studien zurück. Die Daten seien dafür „nicht robust genug“.

Grimes und Mahto (online seit 28. September 2026) gehen anders vor. Sie rechnen zwei bestehende Meta-Analysen nach und finden ungenaue Datenübernahme aus den Primärstudien sowie Kombinationen von Messgrößen, die Scheinergebnisse erzeugen können. Salopp gesagt: Das ist, als würde man Zentimeter und Prozentwerte addieren und sich über die Summe freuen. Zusätzlich werteten sie in einer Meta-Regression die kumulative Dosis aus und fanden keinen Hinweis auf einen Nutzen (Grimes und Mahto 2026).

Welche beiden Meta-Analysen Grimes und Mahto meinen, nennen sie im Abstract nicht. Ob sie Batool et al. also widerlegen, bleibt offen. Und Batool et al. räumen den Faltenbefund selbst ab. Der Konflikt liegt deshalb weniger zwischen den Zahlen als zwischen zwei Fragen: „Was ergibt sich, wenn man diese Studien so zusammenfasst?“ gegen „Sind die Regeln, nach denen bisher zusammengefasst wurde, sauber?“

Wie schnell ein Ergebnis wandert

Ein Mittelwert ist nur so gut wie die Studien, die man hineinwirft. Eine Meta-Analyse sammelt sie und verrechnet sie zu einer Zahl. Dabei fallen Entscheidungen, die in der Überschrift nie stehen: Welche Studien kommen rein? Welche Messwerte gelten als „dasselbe“? Wie geht man mit Ausreißern um?

Wie viel daran hängt, zeigen Batool et al. selbst. Falten, Rauheit und Dichte sahen zunächst verbessert aus und verloren den Effekt, sobald Ausreißer und Heterogenität berücksichtigt wurden. Dass solche Verzerrungsrisiken seit Jahren bekannt sind, belegt eine Meta-Analyse von 2023 (26 Studien, 1.721 Personen): Sie berichtete verbesserte Hydration und Elastizität gegenüber Placebo und wies zugleich auf mehrere Verzerrungen in den eingeschlossenen Studien hin (Pu et al. 2023).

Vier Prüffragen

Um die nächste Kollagen-Schlagzeile selbst einzuordnen, reichen vier Fragen, auch ohne Statistikausbildung.

1. Hat jemand die Zahlen nachgerechnet?

Eine Meta-Analyse ist nur so verlässlich wie die Daten, die sie aus den Einzelstudien übernimmt. Ob jemand diese Übernahme geprüft hat, erkennt man an Re-Analysen, Leserbriefen und Kommentaren im selben Journal. Grimes und Mahto sind so ein Fall: zwei Autoren, die nicht neue Studien gesammelt, sondern bestehende Rechnungen kontrolliert haben. Wer eine Meta-Analyse zitiert, sollte also auch nachsehen, ob jemand sie schon nachgerechnet hat.

2. Wie unterschiedlich sind die Studien?

Heterogenität heißt: Die zusammengeworfenen Studien messen Verschiedenes, an verschiedenen Menschen, mit verschiedenen Geräten und Produkten. Die Kennzahl dafür heißt I². Sie gibt an, wie viel der Streuung zwischen den Studien nicht mehr mit Zufall erklärbar ist. Je näher sie an 100 Prozent liegt, desto mehr Äpfel und Birnen stecken im Topf. Wie man sie liest, steht im Beitrag zur Metaanalyse über orale und topische Peptide. Auch unterschiedliche Rohstoffquellen können zur Heterogenität beitragen, mehr dazu im Beitrag über marine, bovine und vegane Kollagenquellen.

3. Wer hat bezahlt, und was wurde gemessen?

Die Frage, wer die Studie bezahlt hat, unterstellt niemandem etwas. Sie gehört schlicht zur Prüfung. Herstellerfinanzierte Arzneimittel- und Medizinprodukte-Studien berichten rund ein Viertel häufiger günstige Ergebnisse und ein Drittel häufiger günstige Schlussfolgerungen als anders finanzierte. Das zeigt eine Auswertung von 75 Arbeiten (Lundh et al. 2018). Für Nahrungsergänzung gilt das nicht automatisch. Bei Kollagen deutet eine Meta-Analyse in die gleiche Richtung: Myung und Park (23 Studien, 1.474 Teilnehmende) fanden in der Gesamtauswertung verbesserte Hautfeuchtigkeit, Elastizität und Faltenbild. In der Teilauswertung nach Geldgeber zeigten aber nur die von Pharmaunternehmen finanzierten Studien signifikante Effekte, die übrigen nicht (Myung und Park 2025). Das ist ein Hinweis, kein Beweis: Zahlen zu den Teilgruppen nennt der Abstract nicht, und ob die Arbeit zu den von Grimes und Mahto geprüften gehört, geht daraus nicht hervor. Dasselbe Muster zeigte sich bei der Studienqualität: In hochwertigen Studien fand sich kein signifikanter Effekt.

Dazu kommt der Endpunkt. Hautfeuchtigkeit, Elastizität und TEWL lassen sich mit Geräten messen und sind weniger erwartungsanfällig als Selbstangaben oder Prüfer-Schätzungen von Falten. Sauber messen heißt aber nicht: du siehst es im Spiegel. Eine SMD von 0,44 bei der Hautfeuchtigkeit gilt nach gängiger Faustregel als kleiner bis mittlerer Effekt. Das Intervall reicht aber von sehr klein (0,15) bis deutlich messbar. Wie man Finanzierungsangaben, Kontrollgruppen und Verblindung liest, steht im Artikel zum Vehikel-Effekt, die Grundlagen im Beitrag Was ist ein RCT?.

4. Zeigt sich ein Dosis- oder Zeitgradient?

Die Testfrage lautet: Wenn mehr oder länger gegeben wird, wird dann auch der Effekt größer? Ein solcher Gradient gilt als Plausibilitätshinweis. Grimes und Mahto haben das mit der Meta-Regression über die kumulative Dosis geprüft und keinen Hinweis auf einen Nutzen gefunden.

Aber „kein Gradient“ ist nicht „keine Wirkung“. Er kann auch fehlen, wenn die Studien kaum unterschiedliche Dosen testen oder wenn die Dauer wichtiger ist als die Menge. Batool et al. berichten genau das: Die Entwicklung erscheine eher zeit- als dosisabhängig, Elastizität und Barriere brauchten mindestens zwölf Wochen. Ob Dauer tatsächlich mehr zählt als Menge, müsste eine Studie prüfen, die Dosis und Dauer gezielt variiert.

Was bleibt

Die Evidenz zu oralem Kollagen für die Haut ist laut Grimes und Mahto „kontrovers und limitiert“ (controversial and limited). Die beiden fordern eine stärkere methodische Grundlage, und auch Batool et al. halten die Daten zu Falten und Hautdichte für nicht belastbar genug. Für ein Forschungsfeld mit vielen kleinen Studien ist das der Normalzustand, weder Freispruch noch Verriss.

Rechtlich ändert das nichts: Ob ein Hersteller eine gesundheitsbezogene Aussage machen darf, entscheidet die Zulassungslage im EU-Register, nicht die neueste Meta-Analyse. Wie der Bundesgerichtshof 2025 einen Kollagen-Fall entschieden hat, steht im Beitrag zum BGH-Urteil zu Kollagen und HCVO.

Die Merkkarte für die nächste Schlagzeile:

  1. Hat jemand nachgerechnet?
  2. Äpfel mit Birnen gemischt?
  3. Wer zahlt, was wird gemessen?
  4. Mehr Dauer oder Dosis, mehr Effekt?

Die Frage vom Anfang, „Wer hat recht?“, ist damit die falsche. Besser: „Was genau wurde hier gerechnet?“

Redaktionelle Einordnung von Studienmethodik. Der Beitrag enthält keine Anwendungs- oder Produktempfehlung und keine Aussage über die Wirksamkeit eines Produkts.