Mehr als 1.600 Menschen in Japan entwickelten eine Allergie gegen Weizen, also gegen Alltagsessen. Manche bekamen Nesselsucht, manche eine Anaphylaxie, die lebensbedrohliche Allergiereaktion. Gemeinsame Spur: ein bestimmter Weizenprotein-Rohstoff in Gesichtsseife. Nach allem, was die SCCS auswertete, hatte nicht das Mehl in der Küche das Immunsystem scharf gestellt, sondern ein Weizenprotein auf der Haut. Seitdem hängt an diesem Kosmetik-Inhaltsstoff eine Zahl, die in Foren gern als Faustregel für alle Peptide zitiert wird: 3,5 Kilodalton. Sie ist deutlich enger gemeint, als sie dort klingt.
Kurzantwort: Die Zahl gilt nur für hydrolysierte Weizenproteine. Die EU-Kommission hat sie 2017 verbindlich gemacht. Als Sicherheitsmaßstab für andere Peptide taugt sie nicht.
Was ist ein hydrolysiertes Weizenprotein?
Bei der Hydrolyse wird ein Protein mit Säure, Lauge oder Enzymen in Bruchstücke zerlegt. Im Fall von Weizen entsteht ein Gemisch aus Aminosäuren, Peptiden und Eiweißresten. Auf der Zutatenliste steht es unter seinem INCI-Namen, der international einheitlichen Inhaltsstoff-Bezeichnung: Hydrolyzed Wheat Protein. Die EU-Datenbank CosIng führt den Stoff mit den Funktionen antistatisch, haarkonditionierend und hautkonditionierend.
Die Bruchstücke sind nicht einheitlich. Der Wissenschaftliche Ausschuss für Verbrauchersicherheit der EU-Kommission (SCCS) gibt in seiner Stellungnahme SCCS/1534/14 Molekulargewichte von 0,1 bis 90 kDa an, überwiegend zwischen 25 und 90 kDa. Dalton ist die Gewichtseinheit für Moleküle, 1 kDa sind 1.000 Dalton. Eingesetzt wird der Stoff laut Stellungnahme in Konzentrationen zwischen 2 × 10⁻⁵ und 1,7 Prozent; die SCCS stützt sich dabei auf einen Bericht des US-Expertengremiums Cosmetic Ingredient Review (CIR) von 2014.
Es gibt also nicht „das” hydrolysierte Weizenprotein. Je nach Verfahren entstehen sehr verschiedene Mischungen.
Japan: die Seifen-Geschichte
Auch in Europa gab es Fälle. Mehrere EU-Mitgliedstaaten meldeten der Kommission Kontakturtikaria, also Quaddeln an der Hautstelle, die mit dem Produkt in Berührung kam, und anschließend einen anaphylaktischen Schock nach dem Verzehr von Lebensmitteln mit Weizenproteinen. Die weitaus meisten Fälle aber stammen aus Japan. Die SCCS nennt dort mehr als 1.600 Personen, die nach Gebrauch einer weizenproteinhaltigen Seife beim Verzehr von Weizen allergisch reagierten (Tabelle 1 der Stellungnahme: 1.617 Fälle, Angabe der japanischen allergologischen Gesellschaft von 2012). Das sind gemeldete Fälle, keine Häufigkeitsangabe. Wie viele Menschen das Produkt insgesamt benutzten, steht dort nicht.
Eine Seifenmarke nennt die SCCS nicht. Sie spricht von „one particular HWP product used in some brands of soap”, einem bestimmten Weizenprotein-Rohstoff also, der in mehreren Seifen steckte. Eingeordnet wurden die Fälle als eigene Variante der weizenabhängigen, anstrengungsinduzierten Anaphylaxie (WDEIA): Die allergische Reaktion tritt auf, wenn auf eine Weizenmahlzeit körperliche Anstrengung folgt.
Auffällig ist die Reihenfolge: erst die Haut, dann der Teller. In den meisten gemeldeten Fällen sprach der zeitliche Ablauf laut SCCS dafür, dass die Sensibilisierung, also die Prägung des Immunsystems auf den Stoff, über die Haut erfolgte. Die Reaktion zeigte sich erst beim Essen. Viele Betroffene hatten keine Atopie in der Vorgeschichte, keine angeborene Neigung zu Neurodermitis oder Heuschnupfen. Denkbar sei, so die SCCS, dass Tenside in Seifen die Hautbarriere angreifen und dem Protein den Weg bahnen.
Eine Laborstudie an sieben japanischen Patienten stützt das Bild (Chinuki et al. 2013). Im Blut aller sieben fanden sich IgE-Antikörper, die Antikörper der Sofort-Allergie, gegen eine Reihe großer Polypeptid-Aggregate aus dem Hydrolysat. Die Autoren folgern, dass hochmolekulare Hydrolysate möglicherweise stärker sensibilisieren. Sieben Personen sind wenig, aber der Befund weist in dieselbe Richtung wie die spätere Bewertung.
Gleiche Haut, anderer Teller
Auch bei europäischen Patienten sprach der zeitliche Ablauf laut SCCS dafür, dass die Sensibilisierung über die Haut lief; insgesamt sieht sie Belege für eine Sensibilisierung über Kosmetik, nicht über die Nahrung. Was danach auf dem Teller zur Reaktion führte, unterschied sich aber. Bei neun französischen Patienten mit Kontakturtikaria durch Kosmetika mit Weizenhydrolysat reagierte das IgE auf Peptid-Aggregate ab etwa 20 kDa. Keiner von ihnen hatte nach Brot, traditionellen Backwaren oder Pasta allergische Reaktionen, manche aber auf Lebensmittel mit Hydrolysat-Zusatz (Lauriere 2006, zitiert nach SCCS). Die japanischen Patienten reagierten dagegen auch auf ganz normale Weizenprodukte. Warum das so ist, beantwortet die Stellungnahme nicht.
Wie aus der Seife eine Zahl wurde
Die SCCS verabschiedete ihre Stellungnahme am 18. Juni 2014, die überarbeitete Fassung datiert vom 22. Oktober 2014. Ihr Urteil hat zwei Seiten: Das Gesamtrisiko einer Sensibilisierung erscheine niedrig, mit Ausnahme der „Epidemie” in Japan. Es steige aber mit dem Molekulargewicht, besonders in Produkten mit starker Tensidwirkung wie Seifen und Flüssigseifen. Sinngemäß lautet der Schlusssatz: Hydrolysierte Weizenproteine sind in Kosmetika für Verbraucher sicher, sofern die mittlere Molekülmasse der Peptide im Hydrolysat höchstens 3,5 kDa beträgt.
Die Begründung ist eine Größenüberlegung. Um eine allergische Sofortreaktion auszulösen, muss ein Protein zwei IgE-Antikörper auf einer Immunzelle gleichzeitig verknüpfen. Dafür braucht es nach gängiger Annahme eine Mindestgröße in der Größenordnung von 3 kDa (SCCS unter Berufung auf Huby et al. 2000). Fragmente dieser Größe dürften, so das Argument der SCCS, auch kaum eine klinisch relevante Sensibilisierung anstoßen. Die konkrete Marke von 3,5 kDa findet sich bereits in der CIR-Bewertung von 2014, auf die die SCCS verweist.
Vier Jahre bis zur Pflicht
Eine Stellungnahme ist Wissenschaft, noch kein Recht. Bis zur Verbindlichkeit dauerte es: Am 4. Dezember 2017 änderte die Verordnung (EU) 2017/2228 Anhang III der Kosmetikverordnung (VO (EG) Nr. 1223/2009). Sie sieht in der Verwendung hydrolysierter Weizenproteine „ein potenzielles Risiko für die menschliche Gesundheit” und begrenzt deshalb die mittlere Molekülmasse der Peptide auf höchstens 3,5 kDa. Seit dem 25. September 2018 dürfen nicht konforme Produkte nicht mehr in Verkehr gebracht werden, seit dem 25. Dezember 2018 auch nicht mehr bereitgestellt.
Die CosIng-Datenbank führt den Eintrag als Anhang III, laufende Nr. 307. In der Spalte „Sonstige” steht: „Höchstwert für die mittlere Molekülmasse der Peptide in Hydrolysaten: 3,5 kDa”. Eine Höchstkonzentration, eine Beschränkung auf Produktarten oder einen Pflicht-Warnhinweis enthält der Eintrag nicht. Dieselbe Verordnung begrenzte auch Erdnussöl und Erdnussderivate auf höchstens 0,5 ppm Erdnussprotein, ebenfalls auf Grundlage einer SCCS-Stellungnahme.
Eine Lücke bleibt: In CosIng sind 46 Einträge mit „hydrolyzed wheat protein” im Namen gelistet, darunter Derivate wie Cocoyl, Palmitoyl oder Hydroxypropyltrimonium Hydrolyzed Wheat Protein. Keiner davon trägt einen Verweis auf Nr. 307. Ob die Beschränkung sie erfasst, lässt sich aus der Datenbank nicht ablesen.
Mittelwert, nicht Mauer
Die Bedingung bezieht sich auf die mittlere Molekülmasse der Mischung, nicht auf jedes Bruchstück darin. Ein Hydrolysat mit einem Durchschnitt von 3,5 kDa kann also auch deutlich größere Fragmente enthalten. Wie breit die Verteilung ist, verrät der Mittelwert nicht.
Gerade das ist heikel, denn bei größeren Fragmenten ist die SCCS auffallend vorsichtig. Dass Hydrolysate mit niedrigeren, aber immer noch hohen Gewichten, etwa 10 bis 30 kDa, kein Sensibilisierungspotenzial hätten, hält sie für nicht ausreichend belegt. Im Labor reagierten IgE-Antikörper von Patienten mit Fragmenten bis hinunter zu 15 kDa (Chinuki 2013) beziehungsweise unter 20 kDa (Fukutomi et al. 2011, beides zitiert nach SCCS). Ob diese Laborbefunde die Beschwerden der Patienten erklären, ist laut SCCS offen. Für eine sichere Hautdosis, gesamt oder pro Quadratzentimeter, lagen nach ihrer Aussage nicht genug Daten vor. Die 3,5 kDa sind eine Vorgabe an die Zusammensetzung, keine Dosisgrenze.
Gleiche Wortfamilie, anderes Problem
Das Wort „Peptid” taucht in beiden Welten auf, gemeint sind aber sehr unterschiedliche Dinge. Ein Weizenhydrolysat ist ein Gemisch vieler Bruchstücke aus einem Pflanzenprotein. Ein Signalpeptid wie Palmitoyl Tripeptide-1 ist dagegen ein definierter Stoff aus wenigen Aminosäuren, der Name sagt es: tri, drei. Wie diese Gruppen aufgebaut sind, erklärt der Beitrag zu den Peptid-Typen in Kosmetika.
Man könnte fragen, ob 3,5 kDa deshalb auch für Signalpeptide eine nützliche Marke ist. Die Stellungnahme beantwortet das nicht, sie prüft nur Weizenhydrolysate und nur die Sensibilisierung. Damit sind zwei Fragen zu trennen, die in Foren oft verschmelzen. Größe und Allergiepotenzial von Proteinfragmenten: darum geht es hier. Größe und Eindringen in die Haut: das ist die Frage hinter der 500-Dalton-Regel, die der Beitrag Wirken Peptide lokal oder systemisch? behandelt. Dort wird GHK-Cu mit rund 403 Dalton eingeordnet. Der Vergleich 403 zu 3.500 Dalton ist reine Arithmetik und sagt nichts über die Sicherheit eines der beiden Stoffe.
Auch der Abschnitt zur Peptidgröße im Kollagen-Vergleich betrifft eine andere Frage, nämlich die Aufnahme oraler Kollagenhydrolysate im Darm. Zu Kollagen, Soja, Keratin oder anderen Proteinen sagt die SCCS-Stellungnahme nichts. Wie die SCCS Sicherheit prüft, steht im Beitrag zum SCCS-Prüfrahmen.
Was das für die Zutatenliste heißt
Hydrolyzed Wheat Protein steckt in Shampoos, Haarpflege und Hautpflege. Die mittlere Peptidgröße steht nicht auf der Packung. Die 3,5-kDa-Bedingung gilt seit 2018 für die Zusammensetzung, auf dem Etikett taucht sie nicht auf. Wie man INCI-Namen grundsätzlich liest, zeigt die INCI-Lesehilfe für Peptide. Was Hersteller über solche Produkte werblich behaupten dürfen, regelt nicht die SCCS-Zahl, sondern Art. 20 der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 mit den Gemeinsamen Kriterien der Verordnung (EU) Nr. 655/2013.
Wer nach der Anwendung eines Produkts Hautreaktionen bemerkt oder nach dem Essen von Weizenprodukten Beschwerden hat, sollte das ärztlich oder allergologisch abklären lassen. Eine Selbstdiagnose über Zutatenlisten ist nicht möglich.
Fazit
Die SCCS hielt hydrolysierte Weizenproteine 2014 für sicher, sofern die mittlere Molekülmasse der Peptide höchstens 3,5 kDa beträgt. Die Kommission hat das 2017 in Anhang III verankert, seit 2018 gilt es für alle Produkte auf dem Markt. Die Zahl betrifft diesen einen Stoff und diese eine Gefahr, die Sensibilisierung. Als Freibrief für andere Inhaltsstoffe taugt sie nicht, als Maßstab für Signalpeptide auch nicht. Bei Derivaten bleibt offen, wie weit die Beschränkung reicht.