Es gibt, soweit bekannt, genau eine randomisierte, doppelblind kontrollierte Studie, die ein kosmetisches Peptid direkt gegen Retinol antreten lässt: Krähenfüße gegen Krähenfüße, 56 Tage, dieselben Gesichter. Sie erschien im Juni 2025, ein gutes Jahr nachdem die EU neue Obergrenzen für Retinol beschlossen hatte, und wenige Monate bevor diese für neue Produkte verbindlich wurden. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Dem Marketing kommt die Gleichzeitigkeit trotzdem gelegen.

Die kurze Antwort: In dieser einen Studie hat das Peptid gewonnen.

Die längere Antwort hat einen Haken, und der Haken heißt Interessenkonflikt.

Zwei Wege zur selben Falte

Retinol gilt seit Jahrzehnten als Referenz gegen Falten. Es beschleunigt die Zellerneuerung der obersten Hautschicht, ungefähr so, wie ein Gärtner regelmäßig zurückschneidet, damit neues Wachstum nachkommt. In tieferen Hautschichten regt es zusätzlich die Kollagenbildung an. Der Preis dafür sind Rötung, Schuppung und erhöhte Lichtempfindlichkeit, vor allem in den ersten Wochen der Anwendung.

Das in der Studie getestete Peptid heißt Cyclized Hexapeptide-9, kurz CHP-9, ein Studienname, unter dem bislang kein Produkt im Handel bekannt ist. Es gehört zur Gruppe der Signalpeptide, die PeptidRadar bereits eingeordnet hat: kleine Eiweißbruchstücke, die Fibroblasten, den kollagenproduzierenden Zellen im Bindegewebe, ein Reparatursignal geben sollen. Matrixyl 3000, das bekannteste Signalpeptid im Drogerieregal, arbeitet nach demselben Grundprinzip.

Wie genau CHP-9 das erreicht, ist bislang vor allem Herstellerangabe. Laut internen Daten, die im Studienpapier selbst zitiert werden, regte die ringförmige Peptidform die Kollagenproduktion deutlich stärker an als ihr linearer Vorläufer Hexapeptide-9. Die Ausprägung von Integrin-β4, einer Andockstelle auf der Zelloberfläche, stieg im Vergleich zu diesem Vorläufer um das Sechsfache. Diese Zahlen sind nicht Teil der hier besprochenen, kontrollierten Studie und wurden nicht unabhängig veröffentlicht.

Die eigentliche Studie ersetzt solche Herstellerangaben durch Messwerte aus einer kontrollierten Umgebung mit Vergleichsgruppen. Eine einzelne Studie stürzt keinen Goldstandard, aber sie zeigt, dass Herausforderer möglich sind.

Was die Studie tatsächlich gemessen hat

Die Studie stammt von einem Team um den Erstautor Huailong Chang und erschien im Juni 2025 im Journal of Cosmetic Dermatology (PMID 40586182). 96 Teilnehmende, fast ausschließlich Frauen, alle asiatischer Herkunft und zwischen 30 und 55 Jahre alt, wurden nach dem Zufallsprinzip auf drei Gruppen verteilt. Eine Gruppe erhielt eine wirkstofffreie Trägerlösung als Kontrolle, eine ein 0,002-prozentiges Retinol-Serum, eine ein 0,002-prozentiges CHP-9-Serum; ausgewertet wurden am Ende 30, 31 und 30 Personen. Weder die Teilnehmenden noch die Studienleitung wussten, wer welches Serum bekam, ein Studiendesign, das PeptidRadar am Beispiel erklärt: randomisiert, doppelblind, zusätzlich mit Vehikel-Kontrolle statt nur einem zweiten Wirkstoff. Von den 96 hielten 91 die vollen 56 Tage durch, fünf brachen wegen Terminversäumnissen ab. Am Anfang und nach 56 Tagen stand jeweils dieselbe Prozedur: Eine 3D-Kamera fotografierte Stirn und Augenwinkel, und aus den Aufnahmen berechnete die Software, wie viele Falten sichtbar waren, wie groß ihre Fläche war und wie rau die Haut in diesem Bereich wirkte.

Die Studie deckt damit nur einen Ausschnitt ab: asiatische Haut zwischen 30 und 55 Jahren mit leichter bis mittlerer Hautalterung, beobachtet über acht Wochen. Sonnenschutz war nicht vorgeschrieben, was die Autoren selbst als Limitation benennen.

Die Zahlen im Vergleich

Nach 56 Tagen war die Stirnfaltenfläche unter dem Peptid fast sechsmal so stark zurückgegangen wie unter Retinol, jeweils verglichen mit der Kontrollgruppe. Bei den Krähenfüßen lag das Peptid ebenfalls vorn, bei der Faltenfläche allerdings mit überlappenden Unsicherheitsbereichen:

Messwert (Veränderung ggü. Kontrollgruppe, Tag 56)CHP-9-PeptidRetinol
Stirnfaltenfläche−4,9 mm² (p < 0,001)−0,86 mm² (p = 0,004)
Krähenfüße-Fläche−3,95 mm² (p < 0,001)−2,23 mm² (p = 0,007)
Sichtbare Stirnfalten (Anzahl)−2,88 (p < 0,001)−1,05 (p = 0,001)
Krähenfüße-Rauheit−1,95 µm (p = 0,005)−0,36 µm (n. s.)

Zur Verträglichkeit liefert die Studie ein Ergebnis, das weniger aussagt, als es scheint: In keiner der drei Gruppen, weder unter CHP-9 noch unter Retinol noch unter der reinen Trägerlösung, traten behandlungsbedingte Nebenwirkungen auf. Das ist zugleich eine Einschränkung, die die Autoren selbst benennen: Weil in keiner Gruppe etwas passierte, konnte die Studie die von ihnen vermutete bessere Verträglichkeit von CHP-9 gegenüber Retinol gar nicht zeigen. Selbst die reine Trägerlösung wirkte messbar, ein Effekt, den die Autoren zumindest teilweise auf deren feuchtigkeitsspendende Wirkung zurückführen.

Zur Einordnung der Dosis: Die Studienautoren selbst nennen für Kosmetik eine Spanne von 0,0015 bis 0,3 Prozent Retinol, dieselbe Obergrenze, die inzwischen auch die neue EU-Verordnung für die meisten Leave-on-Produkte setzt. Ihre eigene Konzentration von 0,002 Prozent bezeichnen sie als Mindestgehalt, ausdrücklich als “Unterdosierung”, die vermutlich der Hauptgrund für die fehlenden Reizungen sei. Sie liegt rund 150-fach unter dem oberen Ende der Spanne. Eine im Studienpapier zitierte Untersuchung zeigt, dass bereits 0,1 Prozent Retinol im Vergleich zur Kontrolle spürbar mehr Hautrötungen auslösen kann. Ob CHP-9 sein Ergebnis auch gegen ein höher dosiertes Retinol-Produkt gehalten hätte, lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten: getestet wurde ausschließlich die niedrige, im Studienprotokoll festgelegte Konzentration auf beiden Seiten.

Warum solche Vergleichsstudien so selten sind

Die meisten Serum-Studien vergleichen dein Gesicht nur mit deinem Gesicht vier Wochen vorher, nicht mit einem anderen Wirkstoff, wie PeptidRadar am Beispiel einer offenen Studie ohne Kontrollgruppe gezeigt hat. Aktiv-kontrollierte Dreiarm-Studien wie diese sind die Ausnahme: Sie kosten ein Vielfaches einer einfachen Vorher-Nachher-Beobachtung. Ein naheliegender Grund: Kaum ein Hersteller finanziert eine Studie, die auch das eigene Molekül schlecht aussehen lassen könnte.

Bemerkenswert ist, dass diese Studie überhaupt gegen ein etabliertes Vergleichspräparat wie Retinol antritt, statt nur gegen eine Kontrolle. Die oben beschriebene, von den Autoren selbst so benannte Unterdosierung des Retinols begrenzt allerdings die Aussagekraft dieses Vergleichs.

Der Haken

Alle acht Studienautoren arbeiten für die beiden Firmen, die das Peptid entwickelt haben.

Konkret: Die Autorinnen und Autoren sind beim Shanghaier Kosmetikkonzern Chicmax beziehungsweise bei Shanghai Kans Biotech angestellt, den Entwicklern von CHP-9. Die Publikation selbst erklärt trotzdem, es bestehe kein Interessenkonflikt. Für jede der oben genannten Zahlen ist das der wichtigste Kontext. Eine Studie, in der ein Hersteller sein eigenes Molekül gegen einen etablierten Konkurrenten testet und selbst auswertet, ist strukturell anfällig für Verzerrung, ganz gleich, wie sauber Randomisierung und Verblindung im Detail umgesetzt wurden. Eine unabhängige, nicht herstellerfinanzierte Wiederholung dieser Kopf-an-Kopf-Studie existiert bislang nicht.

Eine zweite, deutlich schwächere Studie liefert dazu nur eine Randnotiz: Ende 2025 veröffentlichte der chinesische Konzern Proya eine offene Studie mit 31 Teilnehmerinnen zu einer Kombination aus Retinol, dem Retinoid Hydroxypinacolone Retinoate (ein Retinsäure-Ester), Peptiden und dem Pflanzenstoff Silybin (PMID 41450017). Auch hier: vollständig von Proya finanziert und verfasst, offenes Design ohne Kontrollgruppe, und wieder die Erklärung, es gebe keinen Interessenkonflikt. Für belastbare Effektgrößen taugt diese Studie nicht, sie zeigt lediglich, dass Kombinationsansätze aus Retinol und Peptiden am Markt bereits erprobt werden.

Warum das Thema ausgerechnet jetzt hochkommt

Der Zufall aus der Einleitung bleibt ein Zufall, lässt sich aber erklären. Während die Chang-Studie im Juni 2025 erschien, lief in der EU gerade die Übergangsfrist für eine ganz andere Baustelle: wie viel Retinol überhaupt noch in der Tube sein darf.

Wer 2026 eine Retinol-Creme kauft, liest auf der Rückseite immer öfter einen neuen Pflichthinweis: “Enthält Vitamin A. Berücksichtigen Sie Ihre tägliche Aufnahme vor der Anwendung.” Grundlage ist die Verordnung (EU) 2024/996: Sie begrenzt Retinol, Retinylacetat und Retinylpalmitat in Kosmetik auf maximal 0,05 Prozent Retinol-Äquivalent in Körperlotion und 0,3 Prozent in allen anderen Leave-on- und Rinse-off-Produkten.

Der Zeitplan dazu ist kurz: Die Verordnung ist seit April 2024 in Kraft. Seit dem 1. November 2025 dürfen nur noch Produkte neu in den Handel, die die Grenzwerte einhalten und den Warnhinweis tragen. Ab dem 1. Mai 2027 müssen auch Restbestände aus dem Regal sein.

Eine naheliegende Erklärung dafür, warum gerade jetzt so viele Marken Peptid-Seren als Retinol-Alternative bewerben: Wer seine Rezeptur ohnehin wegen der neuen Grenzwerte anpassen muss, verkauft die Anpassung im Marketing lieber als Innovation, nicht als regulatorische Pflicht. Parallel dazu ist laut Daten des Trendanalyse-Anbieters Spate, die das Fachmagazin Glossy zitiert, die Google-Suche nach “peptide therapy” im Jahresvergleich um 281 Prozent gestiegen, TikTok-Erwähnungen um 459 Prozent. Die Zahlen stammen aus einem US-Branchenmagazin, eine Region nennt die Quelle nicht. Sie zeigen, dass das Thema gerade Konjunktur hat, belegen aber keine Wirksamkeit.

Die Verordnung reagiert auf ein Sicherheitsgutachten des wissenschaftlichen Ausschusses SCCS zur Gesamtaufnahme von Vitamin A über Kosmetik, Lebensmittel und Nahrungsergänzung zusammengenommen. Sie ist kein Urteil darüber, ob Retinol als Wirkstoff funktioniert, und sie sagt nichts darüber aus, ob Peptide die bessere oder sicherere Alternative sind. Sie legt lediglich eine Höchstmenge fest.

Was das rechtlich bedeutet

Wenn du auf einer Verpackung liest, ein Peptid-Serum sei “klinisch besser als Retinol”, gilt derselbe rechtliche Maßstab wie für jede andere Wirkaussage in der Kosmetik: Artikel 20 der EU-Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009 verbietet Eigenschaften, die ein Produkt nicht besitzt. Konkretisiert wird das durch die Verordnung (EU) Nr. 655/2013, die belegte, ehrliche und fair dargestellte Wirkaussagen verlangt. Daran krankt die Chang-Studie in ihrer Außenwirkung: Die Zahlen sind real gemessen, aber “belegt durch eine Studie aus dem eigenen Haus” ist rechtlich wie inhaltlich etwas anderes als “belegt durch unabhängige Forschung”. Ein konkretes Produkt mit dieser Studie zu bewerben, ohne den Interessenkonflikt zu nennen, wirft nach diesem Maßstab Fragen auf.

Sollte man jetzt umsteigen?

Wer auf r/SkincareAddiction oder in Drogerie-Foren nach “Peptid oder Retinol” sucht, will meistens eine einfache Kaufentscheidung. Die gibt diese Studienlage nicht her. Sie zeigt, dass ein bestimmtes Peptid unter Studienbedingungen, getestet vom eigenen Hersteller, besser abgeschnitten hat als eine niedrig dosierte Retinol-Formulierung. Das ist ein interessanter erster Befund, aber keine bestätigte, unabhängige Überlegenheit einer ganzen Wirkstoffklasse gegenüber der anderen.

Wer heute ein Peptid-Serum statt Retinol kauft, kauft eine plausible Hypothese aus einer einzigen, herstellernahen Studie, kein Jahrzehnte altes Standardverfahren.