Alle vier wachsen aus derselben pharmakologischen Idee: Den Ghrelin-Rezeptor (GHS-R1a) so stimulieren, dass die Hypophyse GH-Pulse ausschüttet, ohne exogenes Wachstumshormon zuführen zu müssen. Hexarelin, GHRP-2, GHRP-6 und Ipamorelin lösen dieses Problem auf unterschiedliche Weise. Ob Hexarelin der kräftigste GH-Stimulator ist, Ipamorelin das präziseste Werkzeug, GHRP-2 der einzige klinisch erprobte Kandidat oder GHRP-6 der Klassiker mit ausgeprägtem Hunger-Nebeneffekt: Die Unterschiede sind real und in Studien belegt. Die Gemeinsamkeit ist ebenfalls real: In Deutschland sind alle vier nicht zugelassen, alle vier stehen auf der WADA-Verbotsliste, und Langzeit-Sicherheitsdaten fehlen für alle vollständig.


Mechanismus: Warum alle vier dasselbe Rezeptor-Ziel treffen

Der GHS-R1a ist ein G-Protein-gekoppelter Rezeptor auf somatotrophen Zellen der Hypophyse, der ursprünglich als Ghrelin-Rezeptor bekannt wurde. Ghrelin, das “Hunger-Hormon”, ist sein endogener Ligand. Dass ein Hunger-Hormon gleichzeitig GH-Ausschüttung auslöst, ist kein Zufall: GH und Appetit sind evolutionär verknüpft, energieintensive Wachstumsprozesse werden durch Hungersignale angetrieben.

Alle vier synthetischen GHRPs (Growth Hormone Releasing Peptides) sind nicht-selektive oder selektiv wirkende GHS-R1a-Agonisten: Sie binden an denselben Rezeptor wie Ghrelin und lösen von dort GH-Sekretion aus. Der wesentliche pharmakologische Unterschied liegt nicht im Hauptziel, sondern in der Breite der Wirkung auf verwandte Rezeptorsysteme und damit in den Begleiteffekten.

Dieser Mechanismus unterscheidet alle vier von CJC-1295, das über den GHRH-Rezeptor wirkt, einen völlig anderen Rezeptortyp. Beide Systeme konvergieren in einem GH-Puls, über unterschiedliche intrazelluläre Signalwege. Die Community-Rationale für die Kombination von CJC-1295 mit einem GHRP liegt genau hier: zwei Rezeptorsysteme, ein verstärktes GH-Signal.


Die vier Substanzen im Profil

Hexarelin: stärkster GH-Peak, breitestes Nebenwirkungsprofil

Hexarelin (His-D-2-Methyl-Trp-Ala-Trp-D-Phe-Lys-NH2) ist ein Hexapeptid und war einer der ersten synthetischen GH-Sekretagogen, die in klinischen Studien untersucht wurden. Strukturell ähnelt es GHRP-6, trägt aber in Position 2 ein methyliertes Tryptophan, was die Rezeptor-Affinität erhöht.

In direkten Vergleichsstudien erzeugt Hexarelin die stärksten GH-Peaks aller vier untersuchten Substanzen. Arvat et al. (JCEM 1997, n=8) verglichen Hexarelin direkt mit GHRP-2 in gesunden Männern: Hexarelin erzeugte höhere GH-Spiegel, aber auch die ausgeprägteste Cortisol- und Prolaktin-Begleitfreisetzung. Cortisol-Anstieg bedeutet eine Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse). Prolaktin-Anstieg ist ebenfalls über den GHS-R1a vermittelt.

Dieser Doppeleffekt ist nicht per se ein Ausschlusskriterium, aber er bedeutet: Hexarelin wirkt breiter als andere GHRPs. Wer maximalen GH-Puls als einziges Ziel hat, bekommt bei Hexarelin auch HPA-Aktivierung als Beilage.

Eine weitere strukturelle Besonderheit von Hexarelin: Es zeigt in Tiermodellen und in frühen Humanstudien Hinweise auf kardioprotektive Effekte, die unabhängig vom GH-Weg verlaufen könnten, über den CD36-Rezeptor im Herzgewebe. Das ist ein früher Forschungsbefund ohne klinische Anwendungsreife und wird hier dokumentiert, nicht bewertet.

GHRP-2: der einzige klinisch validierte GHRP

GHRP-2 (D-Ala-D-2-Methyl-Trp-Ala-Trp-D-Phe-Lys-NH2, auch Pralmorelin) liegt in der Potenz knapp unter Hexarelin, aber deutlich über GHRP-6 und Ipamorelin. Das Cortisol- und Prolaktin-Profil ist ebenfalls vorhanden, aber weniger ausgeprägt als bei Hexarelin.

Das wichtigste Alleinstellungsmerkmal von GHRP-2 unter den vier ist der klinische Einsatz in Japan. Pralmorelin ist dort als diagnostisches Agens für GH-Defizienz-Tests zugelassen: eine einmalige intravenöse Gabe unter ärztlicher Aufsicht, gefolgt von GH-Messung, um die hypophysäre Reserve zu bestimmen. Maccario et al. (JCEM 2002) haben diesen diagnostischen Einsatz in einer klinischen Studie analysiert und die Reproduzierbarkeit des GH-Stimulationstests mit GHRP-2 gezeigt.

Diese klinische Anwendung in Japan ist historisch bedeutsam: Sie macht GHRP-2 zum einzigen der vier GHRPs mit einem realen, wenn auch eng definierten, regulatorischen Zulassungsstatus irgendwo auf der Welt. Für DACH-Leser bedeutet das nichts in Bezug auf Verfügbarkeit oder Legalität: In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Pralmorelin nicht zugelassen.

GHRP-6: der Klassiker mit ausgeprägtem Hunger-Signal

GHRP-6 (His-D-Trp-Ala-Trp-D-Phe-Lys-NH2) ist historisch das erste synthetische GHRP, das breit erforscht wurde. Es liegt in der Potenz-Reihe hinter Hexarelin und GHRP-2, erzeugt aber durchaus substanzielle GH-Pulse. Sein bekanntester Begleiteffekt ist die ausgeprägte Appetitstimulation.

Dieser Hunger-Effekt kommt vom GHS-R1a-Mechanismus selbst: Der Ghrelin-Rezeptor reguliert Hunger, und GHRP-6 trifft ihn breit genug, dass die Hunger-Signalwirkung deutlich spürbar ist. In der Bodybuilding-Community wird das teils als Feature (für Massephasen) bewertet, teils als unerwünschter Effekt. Cortisol- und Prolaktinanstiege sind bei GHRP-6 geringer als bei Hexarelin und GHRP-2.

Bowers et al. (JCEM 2004) haben die Entdeckungsgeschichte der GHRP-Klasse dokumentiert und GHRP-6 als den Ausgangspunkt beschrieben, von dem aus die optimierten Nachfolger (GHRP-2, Hexarelin, Ipamorelin) entwickelt wurden.

Ipamorelin: präzisester GHS-R1a-Agonist

Ipamorelin (Aib-His-D-2-Nal-D-Phe-Lys-NH2) ist das strukturell jüngste der vier GHRPs. In der Potenz-Reihenfolge steht es an letzter Stelle, erzeugt also die niedrigsten GH-Peaks in Vergleichsstudien. Der wesentliche Unterschied liegt in der Selektivität.

Raun et al. (European Journal of Endocrinology 1998, PMID 9849822) verglichen Ipamorelin, GHRP-2 und GHRP-6 in Ratten: Ipamorelin erzeugte GH-Pulse, ohne relevante Anstiege von ACTH oder Cortisol zu verursachen. Prolaktin-Anstieg war ebenfalls minimal. GHRP-2 und GHRP-6 zeigten dagegen beide Cortisol- und Prolaktin-Effekte. Die Selektivität von Ipamorelin für den GHS-R1a ist also dokumentiert, aber als Tier-Befund.

Ob dieser Tier-Befund auf Menschen übertragbar ist, bleibt mangels kontrollierter Humanstudien offen. Kontrollierte Randomized-Controlled-Trials mit Ipamorelin in gesunden Menschen oder Patienten sind nicht veröffentlicht. Der Status als “selektivstes GHRP” basiert auf Präklinik, nicht auf Humanevidenz.

Ipamorelin ist außerdem der GHRP, über den das bestehende CJC-1295/Ipamorelin-Profil auf PeptidRadar bereits ausführlicher berichtet. Der Ghrelin-Rezeptor-Mechanismus und der Vergleich zu anderen GHRPs sind dort in Teilen bereits dargestellt.


Potenz- und Selektivitäts-Vergleich: die Tabelle

SubstanzGH-Peak (relativ)Cortisol-AnstiegProlaktin-AnstiegHunger-EffektKlinische Zulassung
Hexarelin+++++++++Keine
GHRP-2++++++Japan (Diagnostik)
GHRP-6+++++++Keine
Ipamorelin+minimalminimalminimalKeine

Legende: + = gering / ++ = moderat / +++ = ausgeprägt / ++++ = stark. Angaben basieren auf Tier- und Humanstudien, überwiegend kurzzeitig, nicht auf Langzeit-Daten.

Die Tabelle zeigt das zentrale Spannungsverhältnis: Wer höchste GH-Stimulation will, bekommt bei Hexarelin die stärksten Cortisol- und Prolaktin-Begleiteffekte. Wer diese Begleiteffekte minimieren will, landet bei Ipamorelin, akzeptiert aber den niedrigsten GH-Peak.

Eine direkte Kopfan-Kopf-Humanstudie aller vier in vergleichbaren Dosierungen, an derselben Population, über einen längeren Zeitraum existiert nicht.


Studienlage: Grenzen der Datenbasis

Die stärkste Humanstudien-Basis hat GHRP-2, bedingt durch die japanische Pralmorelin-Entwicklung und Studien wie Maccario et al. 2002. Hexarelin hat ebenfalls frühe Humanstudien, am prominentesten Arvat et al. 1997, eine Vergleichsstudie mit n=8 an jungen gesunden Männern.

GHRP-6 hat ältere Humandaten aus den 1990er Jahren, hauptsächlich aus präklinischer und früher klinischer Entwicklungsphase, veröffentlicht von den Teams um Bowers und Cyril Bowers, dem Entdecker der Substanzklasse.

Ipamorelin hat keine veröffentlichte kontrollierte Humanstudie. Die Selektivitätsdaten sind Tier-Befunde. Der Mangel an Humanstudien unterscheidet Ipamorelin von den drei anderen GHRPs.

Ein Review zu GH-Sekretagogen von 2020 (PMC 7108996) fasst die Sicherheitslage der gesamten Substanzklasse zusammen: Das Nebenwirkungsprofil im Kurzzeitstudien-Kontext gilt als überschaubar, aber Langzeit-Sicherheitsdaten fehlen für alle Substanzen der Klasse vollständig. Krebsinzidenz unter chronisch erhöhten IGF-1-Spiegeln, kardiovaskuläre Ereignisse, Schilddrüsen- und Gonadenachsen-Effekte: nicht untersucht.


Begleiteffekte im Detail: Cortisol, Prolaktin, Hunger

Cortisol-Anstieg ist bei Hexarelin und GHRP-2 am deutlichsten. Der GHS-R1a ist nicht nur in der Hypophyse exprimiert, sondern auch in der Nebenniere, im Hypothalamus und in weiteren Geweben. Breite GHS-R1a-Agonisten stimulieren daher auch ACTH-Sekretion und nachgelagert Cortisol. Cortisol ist ein Glukokortikoid mit katabolen Effekten auf Muskelgewebe. Ob kurzfristige Cortisol-Anstiege nach GHRP-Gabe relevante Konsequenzen für muskuläre Anpassung haben, ist unklar.

Prolaktin-Anstieg tritt parallel zu Cortisol auf, ebenfalls über GHS-R1a-vermittelte Mechanismen. Prolaktin hat eine Reihe physiologischer Funktionen, erhöhte Prolaktinspiegel können bei Männern GnRH-Suppression und damit die Testosteron-Achse beeinflussen. Auch hier gilt: kurzfristige Spitzen nach einmaliger Gabe sind klinisch anders einzuordnen als chronisch erhöhte Spiegel.

Hunger-Stimulation durch GHRP-6 ist der bekannteste akute Nebeneffekt der GHRP-Klasse im Allgemeinen. GHRP-6 produziert diesen Effekt am stärksten, GHRP-2 und Hexarelin ebenfalls, Ipamorelin am wenigsten. Ghrelin ist primär ein Hunger-Hormon, weshalb jeder GHS-R1a-Agonist appetitsteigernde Wirkung besitzen kann.


Pralmorelin in Japan: klinischer Einsatz und Grenzen der Übertragbarkeit

Die japanische Pralmorelin-Zulassung (GHRP-2 als Diagnostikum) ist klinisch relevant und verdient eine separate Einordnung. Pralmorelin wird in Japan als Single-Dose-Test eingesetzt: Ein Patient mit Verdacht auf GH-Defizienz bekommt einmalig GHRP-2 intravenös, und der GH-Anstieg wird gemessen. Eine flache Reaktion ist ein Hinweis auf eingeschränkte somatotrophe Funktion.

Das ist ein diagnostisches Protokoll unter ärztlicher Kontrolle, mit klar definiertem Endpunkt (GH-Messung), einmaliger Applikation und klinischem Kontext. Es hat mit den Applikationsformen in der Biohacking-Community weder strukturell noch rechtlich etwas gemeinsam.

Die Existenz dieser Zulassung beweist, dass GHRP-2 unter definierten Bedingungen in einem Regulierungssystem als sicher und nützlich für einen spezifischen Zweck eingestuft wurde. Daraus lässt sich keine allgemeine Aussage zur Sicherheit wiederholter Anwendung ableiten, und erst recht keine Aussage zur Zulässigkeit in DACH.


Rechtslage DACH: Alle vier ohne Zulassung, alle vier nach § 95 AMG

Kein BfArM-Eintrag, kein EMA-EPAR, keine Apothekenpflichtigkeit, weil keine Zulassung: Hexarelin, GHRP-2, GHRP-6 und Ipamorelin sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht als Arzneimittel zugelassen. Die fehlende Zulassung ist nicht nur ein Formalismus.

Nach § 95 Abs. 1 Nr. 1 Arzneimittelgesetz (AMG) ist es strafbar, Arzneimittel ohne Zulassung in Verkehr zu bringen, herzustellen oder einzuführen, wenn sie für den Humanbereich bestimmt sind. Die Strafbarkeit trifft primär denjenigen, der die Substanzen in Verkehr bringt oder einführt. Sie gilt für alle vier untersuchten GHRPs. Ausführlichere Darstellung der AMG-Rechtslage für Peptide in Deutschland: Peptide Rechtslage DACH 2026.

Für Verbandssportler kommt eine weitere Dimension hinzu: Alle vier stehen auf der WADA-Verbotsliste 2025 unter Kategorie S2 (Peptidhormone, Wachstumsfaktoren, verwandte Substanzen und Mimetika). Die S2-Klasse gilt ganzjährig, also auch in Trainingsphasen außerhalb von Wettkämpfen. GH-Sekretagogen stehen explizit auf der Liste, nicht als Einzelsubstanzen, sondern als Wirkstoffklasse. Das schließt Hexarelin, GHRP-2, GHRP-6 und Ipamorelin ein.


Pro/Contra-Tabelle: Gesamtbild der Substanzklasse

Was die Studien zeigen (Pro)Was fehlt oder dagegen spricht (Contra)
GH-Puls-Stimulation in Humanstudien für Hexarelin und GHRP-2 belegt (Arvat 1997, Maccario 2002)Studienpopulationen klein (n=8 bei Arvat), kurze Follow-up-Zeiträume
GHRP-2 als Pralmorelin klinisch validiert (Japan, Diagnostik)Klinische Zulassung nur für einmalige diagnostische Anwendung, keine Therapiezulassung
Ipamorelin: kein Cortisol-/Prolaktin-Anstieg in Tiermodellen (Raun 1998)Tier-Befund, keine kontrollierten Humandaten zu Selektivität
Mechanistisch plausible Differenzierung nach Selektivität und PotenzDirekte Vergleichsstudien fehlen für alle vier in einer kontrollierten Humanstudie
Appetit-Stimulation durch GHRP-6 dokumentiert (Community-Faktenlage)Langzeit-Sicherheitsdaten zu Krebsinzidenz, kardiovaskulären Effekten fehlen vollständig
Kurzzeitig gutes Verträglichkeitsprofil in frühen StudienChronische Cortisol-/Prolaktin-Anstiege bei Hexarelin/GHRP-2: Langzeitkonsequenzen unklar

Einordnung

Die vier GHRPs sind keine homogene Gruppe, auch wenn ihr gemeinsamer Nenner derselbe Rezeptor ist. Die Daten zeigen konsistente Unterschiede in Potenz und Selektivität, die pharmakologisch gut beschreibbar sind. Hexarelin ist der kraftvollste Stimulator, mit dem breitesten Nebenwirkungs-Footprint. Ipamorelin ist das präziseste Werkzeug, mit dem schwächsten GH-Signal. GHRP-2 ist der einzige mit realer klinischer Geschichte außerhalb der Biohacking-Welt. GHRP-6 ist der historische Ausgangspunkt der Klasse, heute vor allem durch den Hunger-Effekt bekannt.

Was diese Unterschiede für die Frage “welcher GHRP ist besser?” bedeuten: Die Frage setzt einen Anwendungskontext voraus, den PeptidRadar aus gutem Grund nicht benennt, weil alle vier Substanzen in Deutschland nicht für Humanverwendung zugelassen sind und Anwendungsempfehlungen nicht Teil des redaktionellen Auftrags sind. Der Vergleich hier beschreibt pharmakologische Eigenschaften auf Basis der verfügbaren Studienlage. Was man damit macht, liegt jenseits dieses Artikels.

Langzeit-Sicherheitsdaten fehlen für die gesamte Klasse. Wer die Substanzen trotzdem einsetzt, tut das auf Basis begrenzter Kurzzeitdaten, ohne Langzeitevidenz und im rechtlichen Graubereich bis hin zur Strafbarkeit in DACH.